„Welches Filament nehmen wir?“, will Leonard wissen, der an einem der Rechner im „Digi-Lab“ sitzt und den 3-D-Drucker einsatzbereit macht. Tschuldigung? Filament? Der Neunjährige hat schneller das entsprechende Modell für den Drucker ausgewählt, gespeichert und konfiguriert, als der Verfasser dieser Zeilen benötigt, um Google zu fragen, was sich hinter dem Wort „Filament“ verbirgt. Hände hoch, wer wusste es? Wikipedia verrät: „3D-Druck-Filament, kurz Filament, ist ein drahtförmiger Werkstoff, der als Ausgangsstoff für das Fused Deposition Modeling (FDM) in 3D-Druckern dient.“ Die Wissenslücke bei „Fused Deposition Modelling“ ignorieren wir elegant und halten fest: Filament ist sozusagen der Grundstoff aller Produkte, die der Drucker ausspuckt – oder Schicht für Schicht modelliert. Leonard jedenfalls ist nicht nur in den Sommerferien gerne zu Gast im P4, wie sich das offene Zentrum für junge Menschen der Evangelischen Kirchengemeinde Aachen selbst gerne abkürzt. Technik ist sein Ding – und davon gibt es im P4 ziemlich viel.
Das P4 (ehemals Offene Tür Gut Kullen)
Verlässlichkeit und Verfügbarkeit
Klassische Ferienspiele gibt es in der Einrichtung nicht, aber dafür ein mindestens genauso wichtiges Versprechen an alle rund 150 Kinder und Jugendlichen, die zu den regelmäßigen Besuchern zählen, und allen Kindern und Jugendlichen, die Lust haben, das Team vom P4, die Angebote und die Räume kennenzulernen: Während der ganzen Sommerferien steht die Tür der Einrichtung offen. Montags bis freitags von 14 bis 19 Uhr für alle 6- bis 26-Jährigen; für Besucher ab 14 Jahren montags sogar bis 22 und freitags bis 23 Uhr. Während der Ferien gibt es zusätzliche Workshops und Angebote. „Verlässlichkeit und Verfügbarkeit“ sind zwei zentrale Punkte in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.
„Nach Corona sind wir wieder da“, sagt Michael Sarasa, der schon zum Team gehörte, bevor er die Einrichtungsleitung von seinem Vorgänger übernahm. Weitere Köpfe im P4 sind Sozialarbeiterin Tara Fuhrmann, Erzieherin Annette Abt und Tech-Pädadoge Alexander Dobrushyn. Richtig gelesen: Tech-Pädagoge. „Wir wollen einen anderen Schwerpunkt setzen, das muss sich auch in der pädagogischen Arbeit wiederfinden“, erklärt Michael Sarasa. Alexander Dobrushyn arbeitet nicht nur pädagogisch, sondern bringt auch technische Expertise mit. Er leitet den regelmäßigen Technikkurs, baut Schaltungen mit den Kindern und Jugendlichen, nimmt ganze Baugruppen auseinander und lötet sie wieder neu zusammen oder hilft beim Programmieren, wenn sich jemand dafür interessiert.
Die Einrichtung wurde umgebaut - zur Dauer-Baustelle
„Nach Corona war es schwer, wieder in die Köpfe der jungen Menschen zu kommen, sie von den Inseln herunter zu holen“, blickt Michael Sarasa zurück. Im Zuge des Neustarts wurde nicht nur die Einrichtung, die es seit über vier Jahrzehnten gibt, kräftig umgebaut, sondern auch konzeptionell vieles verändert. Der Technikschwerpunkt des P4 soll vor allem Teilhabechancen ermöglichen, allen Kindern und Jugendlichen unabhängig von sozialer Herkunft und eigener Schullaufbahn Einblicke in digitale Fertigung und digitales Design ermöglichen und Kenntnisse vermitteln. „Das sind digitale Realitäten, an denen in der Lebenswelt niemand mehr vorbeikommt“, sagt der Einrichtungsleiter. 2021 startete ein von der Telekom-Stiftung unterstütztes Pilotprojekt, das Angebot wurde seitdem immer weiter ausgebaut. „Wir eröffnen hier Möglichkeiten, die es woanders nicht gibt“, sagt Tech-Pädagoge Alexander Dobrushyn. Das sieht auch die zwölfjährige Jana so, die die Ferien nutzt, ein Türschild mit dem 3-D-Drucker zu gestalten. „Hier kann ich Sachen machen, die es zuhause nicht gibt“, erklärt sie. Und „ganz nette Menschen und Betreuer, die cool drauf sind“, findet sie im P4 ebenfalls.
Von der Freizeitpädagogik zur Individualpädagogik
Die Neueröffnung des P4 – offenes Zentrum für junge Menschen wurde natürlich als „Upgrade-Party“ gefeiert. „Die Einrichtung gibt es seit 42 Jahren. Aber nicht nur das Design hat sich verändert, auch die Haltung“, formuliert es Michael Sarasa. Das Team sei schon immer Kindern und Jugendlichen zugewandt gewesen, mit mehr als einem offenen Ohr ausgestattet. Das gehört schließlich zum Auftrag. „Aber der Supportbedarf ist in den vergangenen Jahren deutlich größer geworden“, sagt der Sozialarbeiter. Mehr Krisen, mehr Nachfrage nach Beratungsangeboten, mehr Interventionsbedarf und mehr Seelsorge. Was draußen in der Welt geschieht, macht nicht vor den Haustüren der Familien und der Jugendeinrichtungen Halt. Viele Teammitglieder haben daher Fortbildungen in Jugendseelsorge gemacht oder sich anderweitig weiter qualifiziert. „Wir sind alle keine Psychologen, stießen aber als Erzieher und Sozialarbeiter zunehmend an unsere Grenzen“, bilanziert Michael Sarasa. Neben einer sehr guten Anbindung an die Fachberatungsstellen sei es umso wichtiger gewesen, sich auch selbst pädagogisch-seelsorgerisch auf die neuen Anforderungen einzustellen. „Unsere Arbeit verändert sich von der Freizeitpädagogik zur Individualpädagogik“, bringt es der Sozialarbeiter auf den Punkt. Ebenfalls geändert wurde der Name: P4 steht als Abkürzung für die Adresse Philip-Neri-Weg 4.
Viele Stammgäste
Schwerpunkt der Arbeit ist und bleibt aber das offene Angebot, sozusagen das Kerngeschäft des P4. „Wir sind wie ein Lieblingsort für junge Menschen“, sagt Michael Sarasa. Das P4 soll ein Ort sein, an dem sich Kinder und Jugendlich wohlfühlen, wo jeder ein offenes Ohr hat, Karten gespielt wird oder es ein paar Snacks gibt. Hinzu kommt der Technikschwerpunkt, handwerkliche Angebote und Kulturarbeit wie der regelmäßige Schlagzeug-Unterricht und Vocal Coaching. Immer wichtiger wird die politische Bildung, die Haltungsbildung. „Wir sind als Team so verschieden, dass wir allen Besucherinnen und Besuchern etwas bieten können – und arbeiten dennoch super zusammen“, erklärt Tara Fuhrmann, warum sie gerne Teil des P4 ist. „Zur Arbeit zu gehen ist immer ein bisschen wie nach Hause kommen“, sagt sie. Eine Einschätzung, die vermutlich auch viele der Stammgäste teilen. Nicht nur in den Ferien.
Aktuelle Infos zu Aktionen im P4 gibt es auf Instagram: www.instagram.com/p4aachen
Text: Stephan Johnen






