Wohnzimmer-, Schlager-, Yoga- oder Literatur-Gottesdienst – für die einen sind solche Angebote „Eventisierung von Kirche“, für die anderen endlich mal wieder ein Gottesdienst, der etwas in ihnen in Bewegung setzt. Auch im Kirchenkreis Aachen wird – neben den regelmäßigen klassischen Gottesdiensten – mit neuen Formaten experimentiert und „gespielt“. Unter anderem im Bereich Nord der Kirchengemeinde Aachen und in der Trinitatis-Kirchengemeinde Schleidener Tal in der Eifel. Hier ist man überzeugt, dass solche Gottesdienste, die anders anzusprechen versuchen, wichtig sind, um Menschen auch zukünftig noch für Kirche zu begeistern und ihnen Orte zu geben, ihren Glauben leben zu können.
Kirche auf neuen Wegen: Außergewöhnliche Gottesdienstformate sprechen viele an
Mehr als die Hälfte hat Strickzeug dabei
Wenn es still ist, kann man auch in der Kirche mitunter die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. An diesem Sonntag ist das Geräusch etwas anders, man kann Nadeln klappern hören. Mehr als die Hälfte der überwiegend weiblichen Gottesdienstbesuchenden hat ihr Strickzeug dabei und strickt emsig Reihe um Reihe. „Masche für Masche“ so haben Pfarrerin Astrid Brus und Dagmar Deußen den ersten Strick-Gottesdienst in der Christuskirche in Aachen-Haaren betitelt. Beide stricken selbst und das sei ein Thema, bei dem sich gut Brücken zum Glauben schlagen lassen. Außerdem sei Stricken gerade wieder sehr aktuell, sagt Astrid Brus. Warum also nicht mal einen Gottesdienst dazu?

Foto: Andrea Thomas
Prädikantin Dagmar Deußen und Pfarrerin Astrid Brus mit dem Faden des Lebens.

Foto: Andrea Thomas
Wissenschaftlich bewiesen: Gehörtes bleibt besser im Gedächtnis, wenn die Hände etwas zu tun haben - wie hier beim Stricken.
Überzeugende Bildsprache aus der Welt des Strickens
Das Leben als Strickstück mit gleichmäßigen und unordentlichen Reihen, mit Fehlern, die sich nicht ausbessern lassen, komplizierten Mustern, die gemeistert zu haben mit Stolz erfüllt, mal in bunten, mal eher gedeckten Farben, mal wohlig weich, mal gewöhnungsbedürftig kratzig. Und immer mittendrin, Gottes Liebe zu den Menschen als „roter Faden“. Das spricht an. „Es waren schon ein paar Gesichter dabei, die man sonst nicht sieht“, sagt Dagmar Deußen, die sich unter anderem als Prädikantin ehrenamtlich in der Gemeinde engagiert. „Ich war positiv überrascht, dass Menschen, die regelmäßig zu dieser Form von Gottesdiensten kommen, aber sich nicht unbedingt aktiv einbringen, heute gestrickt haben“, freut sich Astrid Brus.
Gut besuchte Yoga-Gottesdienste
Das Format der experimentellen Gottesdienste gibt es in den Gemeinden im Aachener Norden seit Anfang 2025 regelmäßig. Jeden Sonntag findet in einer der Kirchen ein Gottesdienst statt, mal klassisch, mal mit dem Fokus auf Familien und mal in einem Rahmen, der die Möglichkeit bietet, Dinge auszuprobieren und die Lebenswelten von Menschen in den Gottesdienst zu holen. Es gab schon zweimal einen Yoga-Gottesdienst, der sehr gut angekommen ist, einen „Fit im Advent-Gottesdienst“, einen Gottesdienst mit Grillen und immer wieder Literatur-Gottesdienste, wie an Palmsonntag, wenn Krimi auf Bibel trifft. Ein inzwischen regelmäßiges Format ist der monatliche Wohnzimmer-Gottesdienst, in der in der Kirche eine Wohnzimmeratmosphäre geschaffen wird mit Sofa und Sesseln, und anstelle der Predigt der Austausch miteinander tritt. Inspiriert ist dieses Angebot von der Wohnzimmerkirche in Hamburg.

Foto: Stephan Johnen
2025 fand die Premiere des Yoga-Gottesdienste in der Eilendorfer Versöhnungskirche statt.
Kirche: ein Raum, in den Menschen gerne kommen
Quasi „geklaut“ ist auch die Idee für den Rave-Gottesdienst, der im vergangenen Jahr „zwischen den Jahren“ in der evangelischen Kirche Hellenthal stattgefunden hat. Der bis dahin wahrscheinlich aufwändigste Gottesdienst des Formates „1717“, das es in der Trinitatisgemeinde Schleidener Tal seit 2023 gibt. „Einige unserer Jugendlichen haben beim Kirchentag in Hannover an einem Rave-Gottesdienst teilgenommen und hinterher mit verschwitzten T-Shirts und leuchtenden Augen davon berichtet“, erzählt Pfarrer Oliver Joswig. Direkt im Anschluss sei die Frage gekommen, wann sie sowas mal bei ihnen in der Eifel machen würden. Solche Ideen muss man eventuell erst mal sacken lassen und nicht direkt sagen: Nee, geht nicht“, sagt Oliver Joswig. Außerdem, so müsse Kirche sein: ein Raum, in den Menschen gerne kommen. Natürlich hätten eine Reihe Menschen in der Gemeinde mit diesem speziellen Gottesdienst wenig anfangen können, aber für die gebe es andere Formate.

Foto: Stephan Everling
Disco oder Club? Nein, die evangelische Kirche in Hellenthal beim Ravegottesdienst im vergangenen Dezember.

Foto: Oliver Joswig
Ein Lagerfeuer in der Kirche? Warum nicht?
Oft mehr möglich als auf den ersten Blick vermutet
Das ist Oliver Joswig bei den unregelmäßig stattfindenden experimentellen Gottesdiensten wichtig: „Das eine zu tun, ohne das andere zu lassen“. Will heißen, es gibt regelmäßig den klassischen Sonntagsgottesdienst und dazu ein paar Mal im Jahr um 17 Uhr 17 (daher hat das Format seinen Namen) Gottesdienste der anderen Art. Dazu zählten bislang unter anderem ein Schlager-Gottesdienst, ein Kaffee-Gottesdienst, ein Gottesdienst zum Superbowl-Sonntag oder ein Lagerfeuer-Gottesdienst der Pfadfinder rund um die Feuerschale in der Kirche. Mit Ideen zu spielen ist auch hier ausdrücklich erwünscht. Wenn ein Thema nah am Leben von Menschen und ihrem Alltag ist, dann lassen sich meist auch Anknüpfungspunkte zum Glauben finden. „Wichtig ist, es soll ein Gottesdienst sein und mehr als nur ein Event“, unterstreicht Oliver Joswig.

Foto: Oliver Joswig
Der Superbowl-Gottesdienst im Februar war nicht das letzte experimentelle Format in Hellenthal.
Weitere Formate in Planung
Die Motivation und Resonanz sind unterschiedlich, in Aachen wie im Schleidener Tal. Es kämen einige regelmäßig aus Neugierde, was sie sich diesmal hätten einfallen lassen, andere ganz gezielt, weil sie ein Thema anspricht. Die reine Zahl der Gottesdienstbesuchenden ist dabei weder für Astrid Brus noch Oliver Joswig das entscheidende Kriterium, sondern dass die, die gekommen sind, sich haben ansprechen lassen. Für beide funktioniert Kirche mit Blick auf die Zukunft nur dann, wenn sie Menschen in ihren Lebenswelten abholt. Und die wandelten sich nun einmal. „Schon Luther hat gesagt, dass die Form nicht das Bestimmende ist, sondern der Inhalt. Der Kern bleibt, die Form muss sich wandeln“, sagt Astrid Brus. In diesem Sinne soll in beiden Gemeinden auch weiter mit den Formaten experimentiert werden. In Aachen ist zum Beispiel an Christi Himmelfahrt ein „Walk und talk“-Gottesdienst geplant, bei dem die Gläubigen einen Gottesdienst auf dem Weg feiern. Noch ohne Termin, aber fest eigeplant, ist in der Eifel ein Tattoo-Gottesdienst, weil ihre Tattoos vielen wichtig sind und, weil auch Gott Menschen „unter die Haut“ geht.
Text: Andrea Thomas
