Lehrer werden? Gott bewahre! „Es gibt bestimmt Leute, die das gut können. Aber das ist nichts für mich“, war sich einst ein diplomierter Chemiker sicher, der eine Promotion vor der Brust hatte. Die Rede ist vom gleichen Naturwissenschaftler, der sich selbst zu frühen Studienzeiten als mitunter „kirchenkritisch“ beschreibt, der als Naturwissenschaftler auf der Suche war nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält.
Der Suchende fand etwas anderes, der Doktorand der Chemie ging nicht nur der Verbindung der Elemente auf den Grund, sondern arbeitete parallel an seinem Latinum, Graecum und Hebraicum. Das entfachte Interesse für die Theologie öffnete Thomas Jantzen die Tür zum Reich der bis dato unbekannten Geisteswissenschaften. Es kam, wie es kommen musste – nämlich ganz anders, als ursprünglich gedacht: Aus dem Chemiker wurde sozusagen als Quereinsteiger ein Pfarrer, und der Pfarrer wurde am 1. Advent auch offiziell in sein Amt als Religionslehrer in Aachen eingeführt. Ein weiterer Quereinstieg, ein anknüpfender Neuanfang im 60. Lebensjahr, auf den sich Pfarrer Thomas Jantzen sichtbar freute.
Einführung von Thomas Jantzen: „Das Leben ist voller Überraschungen“

Foto: Stephan Johnen
Nach dem Gottesdienst hatten die Gäste noch die Möglichkeit mit Thomas Jantzen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

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Für die musikalische Unterhaltung während der Einführung sorgten Nicola Toenges-Schuller und Elmar Sauer.
Viele Gäste bei der Einführung in der Auferstehungskirche
Zur Einführung in die Auferstehungskirche Aachen kamen nicht nur die örtlichen Gemeindemitglieder, sondern auch viele Mitglieder der Schulgemeinde, Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler. „Menschen, die sich sonst nicht begegnet wären, gehen heute Verbindungen ein“, sagte die stellvertretende Superintendentin Pfarrerin Dr. Monica Schreiber bei der Einführung Jantzens in die „9. Kreiskirchliche Pfarrstelle des Kirchenkreises Aachen“. Heißt übersetzt: Thomas Jantzen ist nun Religionslehrer am Berufskolleg Mies-van-der-Rohe-Schule in Aachen und damit Nachfolger von Pfarrer Guntram Schindel. „Ich habe nicht den Dienstherren gewechselt, aber es ist dennoch eine unerwartete Entwicklung in meinem Leben“, erklärte der 60-Jährige, der nun noch ein Jahr parallel zu seiner Arbeit selbst die Schulbank drückt, um sich das notwendige pädagogische und didaktische Handwerkszeug anzueignen.

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Thomas Jantzen wurde durch Assessorin Monica Schreiber in seine neue Pfarrstelle eingeführt.
Monica Schreiber: "Wir dürfen glauben"
„Die spannendsten Verbindungen entstehen nicht im Reagenzglas, sondern zwischen Menschen, zwischen Menschen und Gott“, brachte es Monica Schreiber auf den Punkt: „Inhaltlich ist ihm die Verbindung zwischen beidem wichtig geblieben – zwischen Glauben und Denken, zwischen Theologie und Naturwissenschaft.“ Christlicher Glaube ist kein Zwang, niemand muss glauben. „Wir dürfen glauben“, sagte Monica Schreiber. Naturwissenschaft und Religion sind keine Widersprüche, zitierte sie Albert Einstein: „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht.“

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Auch Folke Keden-Obrikat (1.v.l.) vom Schulreferat war bei der Einführung dabei.

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Alle Beteiligten freuten sich sehr für den 60-jährigen Pfarrer.
Zukünftige Aufgaben und Anliegen als Lehrer
Kommen wir zur neuen Aufgabe als evangelischer Religionslehrer. Wie beschreibt Thomas Jantzen selbst seine Aufgabe, abseits der Vermittlung der Unterrichtsinhalte? „Ich habe die Aufgabe, Menschen in einem bestimmten Abschnitt ihres Lebens zu begleiten. Gerade diese Phase hat eine Bedeutung, ist ein wichtiges Stück ihrer Lebenszeit beim Übergang von der Jugend ins Berufsleben. Da kommen auch religiöse Fragen vor, es geht um Überzeugungen, um die Frage, woran orientiere ich mich, wie erfahre ich Sinn?“, sagt er.
„Diese religiöse Dimension des Lebens bleibt auch, wenn ich bewusst keine Religion mehr ausübe.“ Religion habe mitunter die Kraft, versteckte Ressourcen zu heben – auch wenn es zunächst gar keinen religiösen Zugang gibt. „Ich möchte vermitteln, dass Religion sinnstiftend für das Leben sein kann“, erklärt er. Denn angesichts einer immer unsicherer erscheinenden Welt sei es umso wichtiger, Sinn und Halt zu finden und den Mut nicht zu verlieren. Das Herausfordernde und zugleich Reizvolle sei die Arbeit mit jungen Erwachsenen, mit verschiedenen religiösen und nicht religiösen Hintergründen. Jantzen: „Man muss auch ganz weltlich über Religion sprechen können: religiöser Dialog in einer säkularen Welt.“

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In der Predigt erzählte Pfarrer Jantzen wie ihm Eva und der Apfelbaum beim Verstehen des Advents geholfen haben.
Thomas Jantzens Weg zur Lehrerstelle
Dass er ans Berufskolleg kam, war Fügung, findet Thomas Jantzen. In ihm habe ein Talent geschlummert. Gemeinsam mit seiner Frau Verena hatte er sich für neun Jahre in Schottland eine Pfarrstelle geteilt. Vor der Abreise nach Edinburgh war er Pfarrer in Mühlheim an der Ruhr. Nach der Rückkehr nach Deutschland und der Wahl Verena Jantzens zur Superintendentin des Kirchenkreises Aachen sei klar gewesen, dass er sich zunächst um die drei schulpflichtigen Kinder kümmert, bewusst eine Pause macht, um den Übergang nach Deutschland besser gestalten zu können. „Irgendwann habe ich ein bisschen Langeweile bekommen“, berichtet Thomas Jantzen augenzwinkernd. Als eine Vertretungsstelle an der Berufsschule ausgeschrieben war, schrieb er eine Bewerbung, sprang testweise ins kalte Wasser. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt der 60-Jährige, der nicht unterging, sondern Auftrieb erlebte. Wer weiß, vielleicht war die Zeit reif für eine weitere Veränderung, auf jeden Fall hat alles gepasst.

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Unter den Freunden, Kolleg*innen und Weggefährten, die Pfarrer Thomas Jantzen zur Einführung einen Segen zusprachen, war auch seine Frau Verena Jantzen, die Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Aachen.
Bewusste Verantwortung gegenüber den Schüler*innen
„Ich finde ja, dass Religion das wichtigste Fach ist“, betont Thomas Jantzen. So begrüßt er auch neue Klassen. Nicht, weil er Pfarrer ist und so eine Aussage von ihm erwartet wird. „Religion ist vielmehr das einzige Fach, in dem die Schülerinnen und Schüler selbst das Thema sind, in dem sie vertieft Mensch sein können. Wie alle Menschen werden sie existentielle Erfahrungen machen, ethische Entscheidungen treffen, ihre Persönlichkeit ausbilden“, sagt Jantzen. Er freut sich auf die Aufgabe, Schülerinnen und Schüler ein Stück auf diesem Weg zu begleiten: „Wir sind alle unterwegs. Manche wissen vielleicht noch nicht, wohin der Weg führt. Wir sollten das tun, was wir am besten können. Das Leben ist voller Überraschungen.“
(Text: Stephan Johnen)
