07.03.2022

Putin-Land ist nicht Russland

Franz Alt zum Thema "Nie wieder Krieg"

pixabay.com | geralt

„Nie wieder Krieg“ und „Russland ist nicht unser Feind“. Darüber bestand Einigkeit sowohl bei den Hunderttausenden, die am 27. Februar in Berlin für den Frieden demonstrierten wie auch bei denen, die am Rosenmontag in Köln auf die Straße gingen.

Auch der Kanzler, die Außenministerin, und die meisten Redner im Bundestag sprachen bei der sonntäglichen Sondersitzung des Bundestags von „Putins Krieg“ und von „Putins Aggression“. Die richtige Botschaft: Putin-Land ist nicht Russland.

Was macht dieser Krieg mit uns?

Jeder Krieg verändert die Gesellschaft. Der Zweite Weltkrieg führte nach 1945 in Deutschland zu einer pazifistischen Grundstimmung „Nie wieder Krieg“. Dies galt bis vor kurzem. Doch Putins Krieg hat daran vieles verändert – wir erleben gerade wieder einmal eine Zeitenwende.

Zum einen: Putin vereint gerade die bislang oft zerstrittenen Europäer, er beschleunigt die deutsche und die europäische Energiewende und bringt vielleicht sogar einige bisherige Windradgegner zum Nachdenken.

Putin hat höchst selbst sein bisheriges Lieblingsprojekt Nord Stream 2 beerdigt. Daraus wird jetzt nichts mehr. Nord Stream 2 hat sämtliche 140 Angestellten entlassen müssen. Selbst die Erbfeinde Türkei und Griechenland wollen zusammenarbeiten. Sie haben jetzt einen gemeinsamen Feind.

Sind Waffenlieferungen wirklich hilfreich?

Zum anderen: Vor diesem Krieg wollte die große Mehrheit der Deutschen, dass wir keine Waffen ins Kriegsgebiet liefern – doch jetzt befürwortet die ebenso große Mehrheit der Deutschen, dass auch wir der Ukraine Waffen liefern. Verständlich, aber auch wirklich hilfreich? Das weiß niemand genau. Mehr Waffen könnten auch zur Kriegsverlängerung und zu noch mehr Leid führen. Denn die Überlegenheit des russischen Militärs gegenüber dem ukrainischen Militär beträgt etwa zehn zu eins.

Was wir jetzt täglich sehen: Menschen in Kellern und Luftschutzbunkern, Kindern in U-Bahnschächten, zerstörte Gebäude, hunderttausende auf der Flucht, Herz zerreißendes Leid und unermessliches Elend, Kriegsverbrechen und blanken Terror. Das berührt, das bewirkt Umdenken, Solidarität und Hilfsbereitschaft, aber auch Hass und Wut. Hass und Wut darüber, dass ein einziger Mensch und einige hundert seiner Nutznießer, Oligarchen  und Gönner diese Katastrophe verursachen können, einfach weil sie es wollen.

Wieder einmal ist das Volk das Opfer

Die großen Friedensdemos 1983 gegen die NATO-Nachrüstung und 2003 gegen den Irak-Krieg waren primär gegen die eigene Regierung gerichtet. Jetzt aber richtet sich die Wut der Demonstranten gegen einen ausländischen Diktator, der auch sein eigenes Volk anlügt und in einen Krieg führt, bei dem es – wie bei jedem Krieg – nur Verlierer geben kann.

Sogar die Gefahr des Atomkriegs ist zurück. Ein solcher Krieg wie er uns jetzt bevorsteht, könnte alles Leben und das lebensschützende Klima total zerstören. Diese putinsche Androhung kann zu einer Eskalationsspirale führen. In einer nuklearen Katastrophe können uns auch Mediziner nicht mehr helfen.

Können wir wenigstens darauf hoffen?

In dieser Situation müssen jetzt NATO wie auch Russland in beiderseitigem Überlebens-Interesse öffentlich den Einsatz von Atombomben ausschließen. Das wäre wahrscheinlich auch der erste Schritt zu weiteren Verhandlungen. Dies zu erreichen ist ab sofort die wichtigste und erste Aufgabe der internationalen Diplomatie.

Offener Brief russischer Wissenschaftler*innen angesichts des Krieges

Jeden Tag lehnen sich auch in Russland mehr Menschen gegen diesen Krieg auf. Schon am ersten Tag, am 24. Februar, haben über 100 russische Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten in einem Offenen Brief gegen den Krieg protestiert. Sie schrieben: „Es gibt keine vernünftige Rechtfertigung für diesen Krieg. Versuche, die Lage im Donbas als Vorwand für eine Militäroperation zu benutzen, sind nicht glaubwürdig…Durch die Entfesselung des Krieges hat sich Russland selbst zur internationalen Isolation, zur Position eines Pariastaates, verurteilt…Lassen Sie uns Wissenschaft betreiben und nicht Krieg.“ Inzwischen haben über 6.000 russische Ärztinnen und Ärzte den Offenen Brief unterschrieben.

Dieses mutige Dokument lehrt uns, dass wir ganz eindeutig zwischen Putin-Land und Russland unterscheiden müssen. Die Direktorin des russischen Staatstheaters CIM hat soeben ihren Job niedergelegt und erklärt: „Ich möchte nicht im Dienst eines Mörders stehen und von ihm mein Gehalt beziehen.“

Vielleicht hat auch der lupenreine Demokrat Gerhard Schröder diese Begründung gelesen und will nicht länger sein Zusatz-Einkommen aus der Kriegskasse eines lupenreinen Despoten beziehen. Immerhin haben sich jetzt alle fünf Mitarbeiter in Schröders Bundestags-Büro von ihrem bisherigen Chef getrennt. Dafür hatte die SPD noch nicht den Mut. Die ehemalige Putin-Freundin und russische Star-Sängerin Anna Netrebko sagt: „Ich möchte, dass dieser Krieg aufhört und die Menschen in Frieden leben können. Das erhoffe ich mir und dafür bete ich.“ Der Weltstar hat alle geplanten Konzerte in nächster Zeit abgesagt.

Tausende Journalistinnen und Buchhändler, Regisseurinnen und Schauspieler, Wohltätigkeitsorganisationen und Blogger  sowie Sportlerinnen und Sportler lehnen sich inzwischen gegen das Putin-Regime auf. Dazu zählt auch die Tochter von Putins Sprecher, Jelisaweta Peskowa.  Sie postete auf ihrem Instagramm-Account: „Nein zum Krieg“.

Der im Straflager gefangene Kreml-Kritiker Alexej Nawalny hat seine russischen Landsleute, aber auch alle Welt bei Twitter zu Protesten gegen den Putin-Krieg aufgerufen: Jeden Tag um 19 Uhr und an Wochenenden um 14 Uhr. So ähnlich begann 1989 mit den Montagsdemonstrationen der Niedergang der DDR. Der mutige Bürgerrechtler Nawalny , den der Kreml-Herrscher vor einem Jahr vergiften wollte, ruft jetzt uns alle zu Protesten auf. Putin nennt er einen „wahnsinnigen Zar“, eine Gefahr für die ganze Welt. Und wir sollten jetzt keine „verängstigten Schweiger“ sein, mahnt Navalny auch uns: „Alles hat seinen Preis. Und  nun, im Frühling 2022, müssen wir diesen Preis bezahlen.“

Der im Straflager gefangene Kreml-Kritiker Alexej Nawalny hat seine russischen Landsleute, aber auch alle Welt bei Twitter zu Protesten gegen den Putin-Krieg aufgerufen: Jeden Tag um 19 Uhr und an Wochenenden um 14 Uhr. So ähnlich begann 1989 mit den Montagsdemonstrationen der Niedergang der DDR. Der mutige Bürgerrechtler Nawalny , den der Kreml-Herrscher vor einem Jahr vergiften wollte, ruft jetzt uns alle zu Protesten auf. Putin nennt er einen „wahnsinnigen Zar“, eine Gefahr für die ganze Welt. Und wir sollten jetzt keine „verängstigten Schweiger“ sein, mahnt Navalny auch uns: „Alles hat seinen Preis. Und  nun, im Frühling 2022, müssen wir diesen Preis bezahlen.“

Ein Weg zum Frieden könnte es vielleicht auch sein, wenn die drei anerkannten Religionsführer, der Dalai Lama, der Papst und der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill in Moskau gemeinsam zum Frieden aufrufen und die beiden Kriegsparteien zu Verhandlungen an einen Tisch bringen würden. Der Papst hat den orthodoxen Patriarchen schon dreimal getroffen, der Patriarch selbst hat ein gutes Verhältnis zu Putin und der Dalai Lama ist Friedensnobelpreisträger.

Sollte  die Grund-Versorgung der Bevölkerung in Kiew und anderen großen ukrainischen Städten in diesen Tagen zusammenbrechen, dann sollte der Westen an eine Luftbrücke denken ähnlich der von 1948 nach Berlin.

Letztlich können nur die Russen selbst die gesellschaftlichen Probleme ihres Landes lösen. Dafür gibt es eine leise Hoffnung. Noch! Vielleicht aber ist Putins Aggression auch der Anfang vom Ende seines Regimes. Selbst die ersten Oligarchen und Multi-Milliardäre wenden sich von Putin ab.

(aus: chrismon v. 4.3.2022)

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