23.01.2020

Worin sind Christen sich überhaupt einig?

Christlicher Glaube ist vielfältig bis zur Zerreißprobe. Aber ein paar Grundsätze sind unumstößlich. Für alle.

Für die einen ist Weihnachten vorbei, viele orthodoxe Christen warten noch drauf; Christen haben verschiedene Kalender. Auch ihre Lehren und Moralvorstellungen unterscheiden sich. Nicht einmal alle glauben, dass Gott dreieinig ist: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Nicht jeder erkennt jede Taufe an. Einige bleiben beim Abendmahl lieber unter sich. Manche fordern Gewaltfreiheit, andere segnen Waffen. Aber worin sind sich alle Christen einig?

Vielfältig bis zur Zerreißprobe war das Christentum schon immer. "Muss jemand, der tauft und die Abendmahlsworte spricht, ein ehrbarer Mensch sein?", fragte man schon im vierten Jahrhundert. "Unbedingt!", forderten die einen. "Keineswegs", wehrten andere ab: Christi Botschaft der Vergebung könne selbst dann ­wirken, wenn der Pries­ter boshaft und verlogen sei. Müssen Christen ­ihre Feinde lieben und Angriffe wehrlos erdulden, wie Jesus es fordert? "Nein", 
sagen nicht wenige, "auch tiefgläubige Christen müssen wehrhaft sein, tragen 
sie doch Verantwortung für andere." Auf all diese Fragen wird es wohl nie endgültige Antworten geben.

Christliches Abendland, heißt: offen sein für jede Hautfarbe, Ethnie und Kultur

Klar ist für alle: Jesus ist Christus, der Messias. Er ist Gottes Sohn. Nur öffnet gerade dieses Urbekenntnis Raum für Vielfalt, für verschiedene Chris­tentümer. Man kann es als Aufruf verstehen, Jesu Weg weiterzu­gehen und Gottes Gebote zu erfüllen: indem man enthaltsam lebt und so Selbstbeherrschung erlangt. Oder durch Bekennermut. Oder durch ­tätige Nächstenliebe. Oder indem man das Zusammenleben unter Christen 
gerecht und gewaltfrei gestaltet. Andere versuchen gar nicht erst, 
bessere Menschen zu sein – allein schon, um nicht selbstgerecht zu ­werden. Sie suchen die Nähe zu ihrem Heiland und Erlöser im Gebet, in der heiligen Messe oder auf Wallfahrten.

Weil das Christentum schon immer 
vielfältig war, gab es von Anfang ­Diskussionen. Immerhin: Auf zwei nicht mehr verhandelbare Posi­tionen haben sich die ältesten Christen mit ihren ersten beiden großen Richtungs­entscheidungen festgelegt. Nach einem Streit unter den Aposteln, ob Christen sich – wie Juden – beschneiden lassen müssen, entschied man sich dagegen: Der christliche Glaube ist seither offen für Menschen ohne jeden kulturellen Bezug zum Volk Israel. Er ist universell. Er gilt vorbehaltlos allen Völkern.
In den 1930er Jahren propagierten selbst ernannte "Deutsche Christen" ein Christentum "nur für Arier". Sie schlossen ehemalige Juden, die zum Christentum konvertiert waren, aus. Christen überall auf der Welt waren empört. Einige Jahrzehnte später ­reagierte der Weltkirchenrat in einer vergleichbaren Lage resoluter: Als südafrikanische Apartheidkirchen Schwarzen gleiche Rechte ab­erkann­ten, erklärte er: "Apartheid ist Sünde." Heute gilt: Wer das christliche Abendland verteidigen will, muss offen sein für Menschen jeder Hautfarbe, Ethnie und Kultur.

Hass ist unchristlich

Im zweiten großen Richtungsstreit ging es darum: Ist das Christentum eine neue Religion – oder bleibt es an das Alte Testament gebunden und ­damit ans rabbinische Judentum? Auch hier entschieden die frühen Christen klar: Sie sahen sich weiterhin 
in derselben Tradition wie die Juden.
Allerdings empfanden sie eine Kon-
kurrenz zum Judentum. Sie wurden hartherzig gegenüber denen, die aus der identischen Offenbarung andere 
Schlüsse zogen, und überhäuften Juden mit Vorwürfen und Fehlurteilen. So entstanden Antijudaismus und völkischer Antisemitismus. Jahrhundertelang verfolgten und töteten Christen Juden. Der grausame Tiefpunkt war die Schoah, der Holocaust.

Entscheidend ist aber: Jesus war ­Jude, er forderte das jüdische Gebot der Nächs­tenliebe ein. Hass ist unchristlich, auch da gibt es kein Vertun. Anti­jüdische Ressentiments dürfen um Christi willen nicht sein. Es wäre 
im Sinne Jesu, wenn alle Christen weltweit sich jedem Antisemitismus entgegenstellen, auch dem eigenen.

Eines sollten alle Christen herbeisehnen, wenn sie beten "Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe": dass von ihnen Güte, Barmherzigkeit und Vergebung ausgehen möge, wie von Jesus.

(Lisa Rienermann, aus: chrismon)

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