23.09.2019

Viele Glückwünsche und Dank an die „Erste Hilfe für die Seele“

Notfallseelsorge feiert 20. Jubiläum in der Citykirche – Gäste aus Kirche und Politik danken für „enorm wichtige“ Arbeit – Rund 250 Einsätze im Jahr

Viele der insgesamt rund 40 ehrenamtlichen Notfallseelsorgerinnen und -Seelsorger kamen zur Jubiläumsfeier, wo ihnen Vertreter aus Kirche und Politik für ihr Engagement dankten. (Foto: Stephan Klumpp)

„Kann man dieses Jubiläum überhaupt feiern? Ist das angemessen?“ fragte Marcel Philipp zunächst und verwies dabei auf die oftmals tragische und bedrückende Arbeit der Notfallseelsorge. Doch schnell beantwortete der Oberbürgermeister der Stadt Aachen sich selbst und den zahlreichen Gästen in der Aachener Citykirche die Frage: Natürlich sei es angemessen und obendrein auch wichtig, das 20-jährige Bestehen der Notfallseelsorge zu feiern. Schließlich werde deren Arbeit viel zu oft als selbstverständlich wahrgenommen oder übersehen, nicht zuletzt, weil es sich dabei um ein bedrückendes Thema handle. Dabei sei das, was die haupt- und ehrenamtlich tätigen Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger in Aachen und der Städteregion leisten, enorm wichtig und alles andere als selbstverständlich.

Seit 20 Jahren „Erste Hilfe für die Seele“

Seit 20 Jahren leistet die Notfallseelsorge „Erste Hilfe für die Seele“ in Stadt und StädteRegion Aachen. Das Angebot des Evangelischen Kirchenkreises Aachen und des Katholischen Bistums Aachen begleitet Betroffene, Angehörige und auch Einsatzkräfte in den ersten Stunden nach einem plötzlichen Tod, einem Unglücksfall, einem Verkehrsunfall, einem Suizid oder einer Gewalttat. Um diese Arbeit zu würdigen, fand in der Citykirche eine Jubiläumsfeier mit Fachvorträgen, musikalischer Untermalung und Dankesworten statt.

Oberbürgermeister Philipp lobt Achtsamkeit gegenüber Mitmenschen

Danken wollte allen voran Oberbürgermeister Philipp, der betonte, bei der Notfallseelsorge gehe es immer um den einzelnen Menschen. Die Seelsorgerinnen und –Seelsorger demonstrieren dabei laut Philipp eine Achtsamkeit gegenüber ihren Mitmenschen, die anderswo in unserer Gesellschaft, beispielsweise in den Sozialen Medien, immer häufiger verloren gehe. Für die kommenden 20 Jahre wünschte er der Notfallseelsorge, dass ihre Arbeit noch mehr in den Blickpunkt gerät und die Anerkennung erfährt, die sie verdiene.

Städteregionsrat Grüttemeier schätzt Arbeit der Notfallseelsorge auch aus eigener Erfahrung

Auch Städteregionsrat Dr. Tim Grüttemeier würdigte die oftmals unterschätzte Arbeit der Notfallseelsorge: „Ehrenamtliche Seelsorge ist vielmehr als ein Hobby oder eine Freizeitbeschäftigung – es ist eine Berufung.“ Das habe er während seiner Amtszeit als Stolberger Bürgermeister bereits selbst erfahren, als es zu einem Suizid im Rathaus kam. Die Professionalität, mit dem die Notfallseelsorger sich damals um die Angestellten kümmerten und diese betreuten, habe ihn zutiefst beeindruckt. Es sei ihm deshalb ein besonderes Anliegen, die Notfallseelsorge nicht nur auf politischer Ebene zu unterstützen, sondern den in der Notfallseelsorge Tätigen auch ganz explizit die persönliche Wertschätzung entgegenzubringen, die sie verdienen.

Superintendent Bruckhoff: Die Gesellschaft braucht Notfallseelsorge

Nicht nur aus der Politik, sondern auch von Vertretern der Aachener Kirchen kamen persönliche Grußworte. Pfarrer Hans-Peter Bruckhoff, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Aachen, betonte, Seelsorge sei die Muttersprache der Kirche. Um die Wichtigkeit der Notfallseelsorge zu verdeutlichen, zog er das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter heran, der einem ausgeraubten und verwundeten Mann hilft. Auf den Hinweis, man solle Gott und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, wird Jesus gefragt: „Wer ist denn eigentlich mein Nächster?“ Diese Frage kennen, so Bruckhoff, wohl die meisten. Schließlich sei es schwierig, für alle da zu sein. Doch die Ehrenamtler der Notfallseelsorge gehen laut Bruckhoff mit ihrem Engagement aktiv der Frage nach: „Wo kann ich für jemanden der Nächste sein?“ – und stehen damit in der Tradition des barmherzigen Samariters.

Bruckhoff ging auch auf die Rolle des Priesters in dem Gleichnis ein, der an dem schwerverletzten Mann vorbeigeht. Als Superintendent des Kirchenkreises sei er manchmal sehr beschäftigt und gefangen in bürokratischen und verwaltungstechnischen Aufgaben. Oftmals stelle er sich die Frage: „An wem gehe ich vorbei? An wem gehen wir als Kirche vorbei?“ Die Gesellschaft brauche deshalb die Notfallseelsorgerinnen und –Seelsorger, die nicht einfach vorbeigehen. Bruckhoff wünschte ihnen, dass sie auch immer unter dem Segen Gottes erfahren, dass sie für jemanden da sind.

Dompropst lobt ökumenische Zusammenarbeit

Dompropst Rolf-Peter Cremer gratulierte der Notfallseelsorge ebenfalls zum Jubiläum. Mit ihrer Arbeit erfülle sie einen urchristlichen Auftrag: die Sorge um Trauernde und Leidende. Beindruckt sei Cremer dabei nicht nur von der professionellen und erfolgreichen Kommunikation zwischen Seelsorgern und Polizei und Feuerwehr, sondern vor allem auch von der Tatsache, dass die Arbeit der Seelsorge von Anfang an ökumenisch funktioniert. Die Notfallseelsorge sei also „ökumenisch angelegt, der Gesellschaft zugewandt.“

Vortrag über Verwundbarkeit und Widerstandskraft

Nach den Grußworten und einer Pause, in denen die Gäste aus Kirche, Politik und Gesellschaft mit den anwesenden Seelsorgerinnen und Seelsorgern ins Gespräch kommen konnten, folgten zwei interessante Fachvorträge. Den Anfang machte Dr. theol. Gerhard Deißenböck, Dipl. Religionspädagoge und Geschäftsführer des Klerusverbandes e.V. Deißenböck argumentierte, in einer Welt voller Gewalt und Gefahren wollten alle Menschen unverwundbar sein. Doch die Vermeidung von Verletzlichkeit sei nicht genug für ein menschenwürdiges Dasein. Vielmehr brauche es Menschen, „die sich aus Humanität verwundbar machen“. An die Notfallseelsorgerinnen und –Seelsorger gerichtet sagte er, sie seien es, „die in den letzten 20 Jahren Verwundbarkeit gewagt haben, um Menschen Widerstandskraft zu schenken.“

Pfarrer Ertel erzählt von „Wegen zurück ins Leben“

Im Anschluss hielt Pfarrer Frank Ertel, Leiter der „TelefonSeelsorge Aachen-Eifel“ einen sehr persönlichen Vortrag darüber, wie Menschen nach Schicksalsschlägen und psychischen Problem den Weg zurück ins Leben finden können. Ertel, der die Notfallseelsorge vor 20 Jahren mit seinem katholischen Kollegen Pater Georg gründete, begann seinen Vortrag mit der Geschichte über einen 16-jährigen, der sich sehr einsam und isoliert fühlt, auch im Beisein anderer. Aus dieser Einsamkeit entsteht Verbitterung und auch Scham, weil der Junge meint, etwas stimme nicht mit ihm. Schlussendlich fragt er sich nach dem Sinn: „Wozu bin ich überhaupt hier?“ Mit 18 Jahren fährt der junge Mann nachts in dichtem Nebel und mit hohem Tempo auf dem Mittelstreifen einer Landstraße – ein eindeutig suizidales Verhalten. Nur mit Glück geschieht ihm nichts.

An diesem Punkt klärte Ertel die Zuhörer auf: Bei dem Teenager handelte es sich um ihn selbst in jungen Jahren. Damals habe er den gefährlichen Kreislauf aus Einsamkeit, Verbitterung, Scham und Sinnsuche selbst erlebt, in dem sich laut Ertel sehr viele Menschen befinden. Dass dieser Kreislauf oftmals zu suizidalen Gedanken und einem „Ich kann nicht mehr“ führe, wisse er auch aus seiner Arbeit in der Telefonseelsorge. Um aus so einem Kreislauf auszubrechen, brauche es vor allem einen Menschen, dem man vertrauen kann, der „da ist“. An dieser Stelle spannte Ertel den Bogen zur Notfallseelsorge: Oftmals käme man in der Notfallseelsorge an einen Punkt, wo Worte versagen. Doch schon durch die bloße Gegenwart einer Seelsorgerin oder eines Seelsorgers würden Betroffene gestärkt und könnten beispielsweise die Kraft aufbringen, sich von Verstorbenen zu verabschieden. Am Schluss seines Vortrages dankte Ertel „all jenen Menschen, die die Stärke und Liebe in sich haben, anderen zu helfen und für andere da zu sein.“

Rund 40 Ehrenamtliche und zwei hauptamlich Verantwortliche bei jährlich rund 200 Einsätzen

Seit nunmehr 20 Jahren gibt es ein Notfallseelsorge-Team in der StädteRegion Aachen. Hauptamtlich verantwortlich sind derzeit Pfarrerin Sabine Reinhold (ev. Leiterin) und Gemeindereferentin Rita Nagel (kath. Leiterin). Zur Unterstützung ihrer Arbeit hat die Notfallseelsorge in den vergangenen Jahren ein Team von speziell ausgebildeten ehrenamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern aufgebaut. In einer knapp einjährigen Ausbildung werden diese auf den Dienst vorbereitet und anschließend durch Fort- und Weiterbildungen geschult. In Aachen und der StädteRegion sind rund 40 Seelsorgerinnen und Seelsorger im Einsatz, die jährlich zu rund 250 seelischen Notlagen gerufen werden. Am Dienstag, 8. Oktober, werden die neuen ehrenamtlichen Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger in der Citykirche beauftragt. Bei Interesse an einer ehrenamtlichen Mitarbeit finden Sie hier weitere Details.

(Text & Fotos: Stephan Klumpp)

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