09.05.2020

Evangelische Gottesdienste: Seelsorgerisch und auch technisch affin

Gottesdienste soll es in den Evangelischen Kirchengemeinden Stolberg und Kornelimünster-Zweifall auch weiterhin online geben. Präsenz-Gottesdienste starten unterschiedlich in den Gemeinden. Nur stark begrenzte Besucherzahlen möglich. Teilweise mit Voranmeldungen.

Das Gemeindezentrum Kornelimünster wird derzeit für Präsenz-Gottesdienste der Evangelischen Kirchengemeinde ­Kornelimünster-Zweifall vorbereitet. Foto: Ulrich Niemann

Von Kevin Teichmann

Vielerorts setzten Kirchengemeinden auf digitale Angebote für Gläubige. In der Theorie dürfen Gottesdienste ab sofort wieder analog veranstaltet werden. „Versammlungen zur Religionsausübung sollen fortan wieder stattfinden können“, lautet der Regierungsbeschluss vom 30. April. Vor allem die kleineren Kirchen in Stolberg stellt das allerdings vor Probleme – deswegen wollen die Evangelischen Kirchengemeinden Stolberg, zu der auch Aachen-Brand gehört, und Kornelimünster-Zweifall auch künftig an Online-Gottesdiensten festhalten.

„Die Stolberger Vogelsangkirche ist zu klein, in der Brander Martin-Luther-Kirche ist die Raumaufteilung und Bestuhlung flexibel gestaltbar – dennoch müssten wir hier von sonst maximal 270 auf 50 Stühle reduzieren – und in der Stolberger Finkenbergkirche haben wir sonst nur Bänke. Die können wir nicht auseinandersägen, müssten deshalb die Gläubigen versetzt sitzen lassen. Dadurch wären maximal 25 bis 30 Besucher möglich“, sagt der Stolberger Pfarrer Axel Neudorf.

Pfarrerin Ute Meyer-Hoffmann von der Kirchengemeinde Kornelimünster-Zweifall muss eine Kirche aus ihren Planungen streichen: „Die kleine alte Kirche Zweifall hat Bänke, die nur von einer Seite aus zugänglich sind, auch die Abstandsregel ist hier nur schwer einzuhalten. Das Gemeindezentrum in Kornelimünster bietet sonst Platz für bis zu 150 Gläubige. Je nachdem, ob Besucher alleine oder zu zweit kommen, können wir dort mit 30 bis 60 Besuchern rechnen.“

Die Auflagen für Präsenz-Gottesdienste umzusetzen, ist kein leichtes Unterfangen. Sie sind hoch und müssen auf die jeweiligen Gottesdienststätten angepasst werden. Das Hygienekonzept der Gemeinde muss dem Gesundheitsamt zur Kenntnisnahme vorgelegt werden. Klar ist: Die Gottesdienste können nicht einfach dort anknüpfen, wo sie Ende März aufhörten. Auch, wenn das religiöse Feiern nun grundsätzlich wieder möglich ist, hat der Gesundheitsschutz der Kirchenbesucher sowie der Mitwirkenden oberste Priorität.

Die erforderlichen Maßnahmen für den Gesundheits- und Infektionsschutz bei Gottesdiensten umfassen unter anderem die Beschränkung auf möglichst große Kirchen, die Begrenzung der Teilnehmerzahlen und das strenge Einhalten von Abstands- und Hygieneregeln. Hinzu kommen Maskenpflicht, Einlasskontrollen und der gebotene Verzicht auf Gemeindegesang. „Einbahnstraßen“ müssten installiert werden. Es stellten sich zudem die Fragen, wie unter Beachtung des Datenschutzes die Kontaktdaten der Kirchenbesucher aufgenommen, und wie die Nutzung der Toilette geregelt werden sollte.

Die Maßnahmen würden in jedem Fall ein anderes Gottesdienstgefühl vermitteln als vor der Krise – und das vermutlich über längere Zeit. „Normalerweise bin ich Prediger und Seelsorger. Jetzt wäre ich auch noch der Ordnungsdienst, und muss vielleicht unterbrechen, um ein Gemeindemitglied darauf hinzuweisen, dass ihm der Mundschutz verrutscht ist“, verdeutlicht Neudorf.

In Kornelimünster komme Ute Meyer-Hoffmann zufolge erschwerend hinzu, dass eine Voranmeldung zum Gottesdienst zwingend erforderlich sei. „Es gibt zugewiesene Plätze wie man es sonst nur im Kino kennt“, erklärt sie und lacht.

Jeden Sonntag ab 10 Uhr überträgt die Evangelische Kirchengemeinde Stolberg einen Kurzgottesdienst von etwa einer halben Stunde live aus der Finkenbergkirche. „Liebe Internetgemeinde, willkommen auf dem Youtube-Kanal der Evangelischen Kirchengemeinde Stolberg“, begrüßt Pfarrer Axel Neudorf die Gläubigen in einem Intro auf dem Videoportal im Internet. Gottesdienste übertragen die Protestanten, die für Stolberg und Brand verantwortlich zeichnen, schon seit dem 22. März. „Dass wir so schnell starten konnten, lag daran, dass ich nicht nur seelsorgerisch, sondern auch technisch affin bin“, gesteht Neudorf, der während seines Studiums in Ratingen nebenbei mit einem Freund gemeinsam eine Licht- und Tonfirma gründete. „Wir haben klein angefangen und manches Equipment sogar selbst gebastelt“, erinnert sich Neudorf. Irgendwann stieg er aus.

Sein damaliger Geschäftspartner betreibe das Unternehmen aber weiterhin. Neudorfs Know-how verhalf seiner Gemeinde nun den schnellen Weg ins Netz. „Hätten wir uns einen Anbieter dafür suchen müssen, hätte uns jeder Gottesdienst mindestens 1000 Euro gekostet“, sagt der Kenner. Da für Übertragungen nun einmal alles hergerichtet ist, soll es sie auch nach der Krise weiterhin geben. Das mediale Angebot umfasst neben den Kurzgottesdiensten bereits Kindergottesdienste, Orgelkonzerte und eine wöchentliche Kurzandacht und wird laufend ergänzt. 30 bis 50 Live-Aufrufe stellt Neudorf dabei fest.

Die Livestreams sollen auch bei der Wiederaufnahme von Präsenz-Gottesdiensten beibehalten werden, sagt er. „Um Erkrankten und den Angehörigen von Risikogruppen die Teilnahme zu ermöglichen“, betont der Pfarrer. „Aber auch, weil uns aufgefallen ist, dass wir nachträglich in den dreistelligen Bereich der Aufrufe kommen. Es ist sehr spannend, dass Gottesdienste später, auch beispielsweise erst am Dienstagnachmittag geschaut werden.“ Er freue sich sehr über Rückmeldungen der Gemeindemitglieder. Diese erfolgten aber weniger über direkte Kommentare, sondern vielmehr über herkömmliche Kommunikationskanäle wie das Telefon oder eine E-Mail. „Es hat sich auch schon ein junger Mensch gemeldet und erzählt, wie sehr sich seine Oma über den Youtube-Kanal freue“, sagt Neudorf.

Auch die Evangelische Kirchengemeinde Kornelimünster-Zweifall stellt Andachten ins Netz. Allerdings schon vor Corona und nur als Audiospur (www.kzwei.net). „Während wir in Kornelimünster immer einen mit 60 bis 80 Personen sehr gut besuchten Gottesdienst hatten, konnten wir jetzt in der Corona-Zeit deutlich gestiegene Zugriffszahlen feststellen. Der Zuspruch ist wirklich groß“, sagt Pfarrerin Ute Meyer-Hoffmann. Ihr fehlt aber auch ein Aspekt ihrer sonst täglichen Arbeit. „Das Beisammensein fehlt. Wir haben nach Gottesdiensten normalerweise immer einen Austausch mit den Gemeindemitgliedern bei einer Tasse Kaffee. Es ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit, der momentan wegbricht.“

Wann der erste Gottesdienst mit anwesenden Gemeindegliedern gefeiert werden kann, ist in der Kupferstadt noch nicht abschließend geklärt, zumal die Bedingungen sich in Krisenzeiten wöchentlich ändern können. Die Planungen laufen auf Pfingsten hin. Das Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Stolberg berät dazu wieder in seiner nächsten Video-Sitzung am 18. Mai.

Im Gemeindezentrum Kornelimünster lässt das Presbyterium ganz bewusst den Gottesdienst an diesem Sonntag noch ausfallen. Der vierte Sonntag nach Ostern heißt „Kantate“ (aus dem Lateinischen: „singen“). „Da das Singen aber gemäß Hygienebestimmungen nicht erlaubt ist, starten wir erst am Sonntag, 17. Mai, mit einem Präsenz-Gottesdienst“, erklärt Meyer-Hoffmann.

Die Gemeinde Stolberg umfasst die Standorte Stolberg und Aachen-Brand. Sie zählt knapp 8000 Gemeindemitglieder und blickt auf eine fast 450-jährige Geschichte zurück. Die Gottesdienststätten bilden in Stolberg die Finkenberg- und die Vogelsangkirche sowie die Martin-Luther-Kirche in Aachen-Brand. Daneben finden normalerweise auch regelmäßig Gottesdienste und liturgische Feiern in Seniorenheimen und dem Bethlehem-Gesundheitszentrum statt. 3500 Gemeindemitglieder zählt die Kirchengemeinde Kornelimünster-Zweifall. Sie hält Gottesdienste ebenfalls regelmäßig in Seniorenzentren.

(SZ vom 09.05.2020)

 

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